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10. Berliner Schimmelpilzkonferenz: Total digital

Mehr als 100 Teilnehmer haben sich am 25. März 2021 eingeloggt, um die erste ausschließlich virtuell stattfindende Berliner Schimmelpilzkonferenz live mitzuerleben. Das Team von B+B Bauen im Bestand zeichnete die Vorträge in einem Kölner Fernsehstudio auf, die Teilnehmer konnten per Livestream dabei sein und in den Pausen in separaten virtuellen Räumen die Fachausstellung besuchen – es war eine gelungene Premiere.

Während das B+B-Team insbesondere bei der Anmoderation und Vorstellung der Referenten und ihrer Themen eine gängige Fernsehstudio-Variante wählte – mit Tisch und virtuellem Bildschirm am Rand für die ersten Vortragsfolien –, nahmen während der Vorträge oft die Folien den gesamten Bildschirm ein. Die Referenten waren klein am unteren Bildschirmrand eingeklinkt. Eine Form, die einerseits die Zuschauer dabei unterstützte, den Inhalten der Referenten optimal folgen zu können, und andererseits den Vortragscharakter erhielt.

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Wie hier bei Dr.-Ing. Beate Mattuschka gut zu sehen, waren die Referentinnen immer wieder lediglich unten eingeklinkt, um eine gute Lesbarkeit der Folien zu gewährleisten.

Die ersten beiden Referentinnen bei der 10. Berliner Schimmelpilzkonferenz beschäftigten sich mit dem UBA-Schimmelleitfaden und seiner Bedeutung für die Praxis. Dr.-Ing. Beate Mattuschka, die in Berlin als Sachverständige für Schimmelschäden und Hygiene in Klimaanlagen tätig ist, machte den Anfang mit ihrer Antwort auf eine bewusst provokant gestellte Frage: Brauchen wir als Sachverständige den UBA-Schimmelleitfaden? Anhand einiger Beispiele aus ihrer Gutachtertätigkeit verdeutlichte Mattuschka, dass der Leitfaden mehr als nur eine Orientierung für Sachverständige ist, in der Praxis aber immer wieder entschieden werden muss, ob er buchstabengetreu angewendet werden kann. So hatte sie bei einem Wasserschaden in einer Estrichdämmschicht während der Neubauphase zu beurteilen, ob ein kompletter Rückbau erfolgen sollte oder nur in Teilen. Im Ergebnis empfahl sie dort nach eingehenderen Untersuchungen den kompletten Rückbau – was nach einer rein schematischen Abarbeitung der Handlungsempfehlungen des Leitfadens nicht notwendig gewesen wäre. Andererseits sei aber auf Grundlage des Leitfadens eine abgegrenzte Bewertung des Schadens möglich gewesen.

Im UBA-Schimmelleitfaden sind einige unbestimmte Rechtsbegriffe zu finden
Im Anschluss widmete sich Dipl.-Ing. Pia Haun, die unter anderem öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für Holzschutz und Beigeordnete des Bundesverbands Schimmelpilzsanierung e.V. ist, den Nutzungsklassen im Leitfaden und dabei insbesondere dem intensiv diskutierten Thema Abschottungen. Zunächst ging sie auf das Problem unbestimmter Rechtsbegriffe ein, von denen sie bei der Abgrenzung der Nutzungsklassen untereinander einige ausgemacht hat. Im UBA-Schimmelleitfaden ist von Räumen die Rede, die „dauerhaft“ oder „nicht nur vorübergehend“ genutzt werden (Nutzungsklasse II – NK II) und anders zu behandeln sind, als „Nebenräume“ (gemeint sind in diesem Fall vor allem Garagen oder Keller), in denen man sich „nur gelegentlich“ aufhält (Nutzungsklasse III – NK III). Diese nicht näher definierten zeitlichen Begriffe erschwerten die Abgrenzung von Räumen der NK II von solchen der NK III. Diese Abgrenzungsprobleme setzen sich bei anderen Nebenräumen (zum Beispiel Spitzboden im Dach) fort. Hier schlägt Haun eine eindeutigere Formulierung vor: „Alle Räume, die in einem Raumluftverbund mit Räumen der NK II stehen, sind der NK II zuzuordnen.“

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Bei einer anderen Präsentationsform wurden die Folien an eine virtuelle Wand geworfen - wie hier bei Dipl.-Ing. Pia Haun.

Besonders heikel ist die NK IV: Hier ist im Leitfaden von „gegenüber Innenräumen luftdicht oder diffusionsdicht abgeschotteten Bauteilen oder Hohlräumen“ die Rede. Luftdicht und diffusionsdicht sind aber unterschiedliche Dinge: Luftdichte Bauteile sind nicht unbedingt diffusionsdicht. Es sei also unklar, so Haun, was genau „geschuldet“ sei. Je weiter die Sachverständige in ihrem Vortrag ins Detail ging, desto deutlicher wurde, wie schwierig es ist, eine den zu ungenau formulierten Vorgaben des Leitfadens entsprechende Abschottung zu gewährleisten, die dann auch einen echten Schutz vor mikrobiellen Einträgen in Räume der NK II bietet. Im Ergebnis kommt Haun zu dem Schluss, dass Abschottungen eine absolute Sonderlösung sind, die mit Risiken für Planer, Ausführende und Nutzer sowie erheblichem Mehraufwand verbunden sind. Zudem werde die fachgerechte Entsorgung des Schadens nur in die Zukunft verschoben.

Anforderungen der DIN 4108 Teil 7 reichen nicht
Auch im folgenden Vortrag ging es um Abschottungen. Dipl.-Ing. Thomas Runzheimer fragte: Wann ist was dicht genug, um Schimmelbildung zu vermeiden? In diesem Fall unter der Prämisse, dass die Abschottung im Sinne der für die NK IV des Schimmelleitfadens relevanten DIN 4108 Teil 7 luftdicht ist. Luftdichtheitsspezialist Runzheimer erläuterte zunächst, wie Luftdichtheit nach DIN 4108 Teil 7 definiert ist, wie man per Blower-Door-Test überprüft, ob ein Gebäude den entsprechenden Anforderungen entspricht und wie man eventuelle Leckagen und Schwachstellen aufspürt. Luftdicht ist hier keineswegs so dicht, wie man meinen würde – an einem Beispiel demonstrierte Thomas Runzheimer eindrucksvoll, dass ein der Lufdichtheitsnorm entsprechendes Gebäude noch einige Leckagen aufweisen kann.

Sein Fazit in Sachen Schimmelpilze fiel dann auch ernüchternd aus: Auch wenn ein Gebäude so saniert oder gebaut worden sei, dass die Anforderungen der DIN 4108 Teil 7 erfüllt sind, können Schäden an der Konstruktion durch Konvektion an Leckagen nicht ausgeschlossen werden. Dann ist natürlich auch der Eintrag von Mikroorganismen und Schimmelpilze möglich. „Ja, luftdichte Abschottungen sind grundsätzlich eine Möglichkeit, den Eintrag von Mikroorganismen und mikrobiellen Gerüchen in den Innenraum auszuschließen“, so Runzheimer. Aber in aller Regel seien dafür zusätzliche Abdichtungsmaßnahmen an den Oberflächen und Einbauten erforderlich.


Und wer übernimmt die Kosten?
Wenn ein Schimmelbefall erst einmal da ist, stellt sich die Frage, wer für die Kosten der Beseitigung aufkommt. Antworten darauf, wie Versicherungen mit Schimmelschäden und ihrer Beseitigung umgehen, lieferte Dipl.-Ing. Andreas Schließer, Sachverständiger für Bauphysik bei der R+V Allgemeine Versicherung. Es gibt zwei Versicherungsarten, die bei Schimmelschäden an Häusern in Betracht kommen: Sachversicherungen, wie die klassische Wohngebäudeversicherung und die Bauleistungsversicherung auf der einen Seite und auf der anderen Haftpflichtversicherungen, wie die Betriebshaftpflichtversicherung eines Bauunternehmens oder auch die private Haftpflichtversicherung des Schadensverursachers. Durch eine Gebäude- oder Bauleistungsversicherung ist der gesamte Folgeschaden gedeckt – also auch eventuelle Schimmelschäden. Zudem handelt es sich um eine Neuwertversicherung. Ein wertloser, alter Teppich, der Schaden genommen hat, wird also durch einen neuen ersetzt. Auch Mehrkosten, die durch neue behördliche Auflagen entstehen – zum Beispiel eine dickere Dämmschicht in einem Flachdach, würden übernommen, so Schließer.

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Dipl.-Ing. Andreas Schließer referierte über die Regulierung von Schimmelschäden durch Versicherungen.

Der Versicherer überprüft anschließend Regressmöglichkeiten: im Falle einer undichten Wasserleitung zum Beispiel, ob der betreffende Installateur für den Schaden verantwortlich gemacht werden kann. Diese Art der Regulierung über eine Haftpflichtversicherung ist in der Regel wesentlich komplexer und im Unterschied zu einer Sachversicherung wird nur der Zeitwert ersetzt. Darüber hinaus ist auch der Eigenschaden nicht gedeckt: Alles, was der Installateur einer undichten Wasserleitung ohnehin geschuldet hat – also die Leitungen und deren Verlegung – müsse er auf eigene Kosten ersetzen, so Schließer. Anhand von drei bezüglich der Schadenssumme ziemlich imposanten Beispielen schilderte er dann die Abwicklung solcher Schadensfälle und die Bedeutung der unterschiedlichen Versicherungen.

Auch für Schimmelsanierer wird Wissen über den Umgang mit Asbest immer wichtiger
„Asbest, die Gefahr hinter dem Schimmelpilz“ hieß das Thema von Christina Nixdorf-Doose, die als Projektleiterin Arbeits- und Gesundheitsschutz mit Schwerpunkt Gebäudeschadstoffe bei der n-tec projektbau GmbH tätig ist. Die Gefahren, die von Asbest ausgehen, sind bekannt und Schimmelsanierer begegnen dem Gefahrstoff immer wieder in Form von Putzen und Spachtelmassen, Dünnbettfliesenklebern, FloorFlexplatten, PVC-Belägen mit asbesthaltiger Trägerschicht und vielem mehr. Und Arbeiten an asbesthaltigen Produkten sind verboten. Was also tun? Einpacken und gehen?

Ganz so dramatisch ist es nicht: Denn Abbruch-, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten sind prinzipiell erlaubt – es sei denn im Zuge dieser Arbeiten muss abgeschliffen, abgebürstet, druckgereinigt oder gebohrt werden. Also doch wieder einpacken und gehen? Nein, führte Nixdorf-Doose aus, zumindest dann nicht, wenn sich für die vorgefundene Problematik in der DGUV Information 201-012 ein „Verfahren mit geringer Exposition gegenüber Asbest bei Abbruch-, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten“ findet. Weitere Informationen über diese Verfahren und aktuelle Ergänzungen zur DGUV Information 201-012 finden Sie auf der Website der Deutschen Gesetzliche Unfallversicherung e.V. (DGUV).

Wie schafft man die Abschlusskontrolle?
Karin E. Götz, die Gründerin von Avalon, einem Unternehmen dessen Schwerpunkt unter anderem auf der Schimmelpilzsanierung liegt, erklärte den Teilnehmern anschließend, wie man eine mikrobielle Feinreinigung so durchführt, dass man die Abschlusskontrolle sicher schafft. Sie definierte zunächst das Ziel der Feinreinigung als die Beseitigung der vorhandenen Schimmelpilzbiomasse. Diese umfasst keimfähige aber auch nicht keimfähige beziehungsweise abgetötete Mikroorganismen. Die betreffenden Räume sollen durch die Sanierung und Reinigung in einen „hygienischen Normalzustand“, der der üblicherweise anzutreffenden Hintergrundkonzentration entspricht, versetzt werden.

Nach einer peniblen Vorbereitung und Abschottung der Räume steht die eigentliche Feinreinigung an. Götz schilderte detailgenau den Ablauf: von der Reinigung horizontaler Flächen wie Fußböden und Fensterbänke über das Absaugen und Abwischen der abgeklebten Oberflächen und die anschließende Entfernung der Abdeckmaterialien bis hin zur Reinigung der Abschottung, der Schleusen und der im Sanierungsbereich verbleibende Geräte bis hin zum Ausschalten des HEPA-Filters zwölf Stunden vor der Messung durch den Sachverständigen. Darüber hinaus stellte Karin E. Götz Reinigungsgeräte, -techniken und -mittel vor.

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Thema von Dipl.-Chem. Martin Wesselmann war die Erfassung von Feinstaub- und anderen Schadstoffbelastungen mit direktanzeigender Analytik.

Was direktanzeigende Analytik leisten kann
Zum Abschluss der Veranstaltung kümmerte sich Dipl.-Chem. Martin Wesselmann in der Rubrik „Blick über den Tellerrand“ um die Erfassung von Feinstaub- und anderen Schadstoffbelastungen mit direktanzeigender Analytik. Wesselmann ist Sachverständiger für Gebäudediagnostik und leitet das Hamburger Gutachterbüro „Wesselmann Gebäudediagnostik“. Direktanzeigende Analytik hat diverse Vorteile, erläuterte Wesselmann: So ist eine schnelle Ersteinschätzung der Situation möglich, die Messstrategie kann vor Ort angepasst werden und eine direkte Quellensuche ist möglich. Ein weiterer Vorteil könne sich durch eingesparte Laboranalysen ergeben. Auf der anderen Seite sei in vielen Fällen nur eine Aussage über einen Summenwert und normaler Weise keine Einzelstoffbetrachtung möglich. Zudem sind Bewertungen zur Gesundheitsrelevanz beziehungsweise Richtwertevergleiche nicht zulässig. Bei verschiedenen direktanzeigenden Messverfahren sind Ungenauigkeiten zu beachten. Wesselmann ging detailliert auf Probleme bei VOC-Messungen und Carbonyl-Analysatoren ein.

Am 21. September findet die 3. Münchner Schimmelpilzkonferenz statt. Derzeit ist die Durchführung als Hybridveranstaltung – vor Ort und digital – geplant. Das Programm wird das gleiche sein wie bei der 10. Berliner Schimmelpilzkonferenz. Wir hoffen natürlich, dass die 11. Berliner Schimmelpilzkonferenz 2022 wieder so stattfinden kann, wie wir es bis vor einem Jahr gewohnt waren. Weitere Informationen finden Sie auf www.schimmelpilzkonferenz.de.
Bodo Höche