zurück

Verbände warnen vor versteckten Asbestvorkommen

Asbesthaltige Putze, Spachtelmassen und Fliesenkleber sind weiter verbreitet als bislang angenommen. Die VDI-Gesellschaft Bauen und Gebäudetechnik (VDI-GBG) hat gemeinsam mit dem Gesamtverband Schadstoffsanierung e.V. (GVSS) ein Diskussionspapier veröffentlicht, das die Erkundung, Bewertung und Sanierung dieser asbesthaltigen Stoffe thematisiert. Damit reagieren die Verbände auf die steigende Zahl von Erkrankungen und Todesfällen der vergangenen Jahre.

Fachkonferenz GVSS Asbest in Putzen, Spachtelmassen, Fliesenklebern
Vor 240 Teilnehmern informierte der GVSS über die Gefahren durch Asbest in Bauprodukten, die bis 1995 verwendet wurden und stellte sein Diskussionspapier vor. (Abb: Elisabeth Gulich)

Auf einer Fachkonferenz am 18. 06. hat der GVSS das Diskussionspapier "Asbesthaltige Putze, Spachtelmassen und Fliesenkleber in Gebäuden - Diskussionspapier zu Erkundung, Bewertung und Sanierung " vorgestellt. Ziel der Veröffentlichung ist es, Handwerker und weitere Beteiligte vor den Gefahren durch bislang kaum beachtete Asbestvorkommen zu schützen und die Öffentlichkeit in die Erarbeitung einer VDI-Richtlinie zum Thema einzubeziehen.

So verwies Diplom-Ingenieur Christoph Hohlweck, Vorsitzender des GVSS, im Rahmen der Fachtagung darauf, dass das Krebsregister der Universität Bochum Asbest längst nicht mehr nur in den Lungen alter Männer findet, die viele Jahre beruflich mit Asbest in Berührung kamen. Zunehmend leiden auch Personen an typischen, asbestbedingten Krankheiten, die wissentlich nicht mit Asbest in Verbindung gekommen sind. Gegenwärtig nicht erklärbar ist unter anderem eine relevante Anzahl  junger Frauen. Die Latenzzeit dieser Erkrankungen reicht von 15 bis 40 Jahren.

In diesem Zusammenhang fordert der Verband ein verbindliches Asbestkataster für den Bestand an Altbauten.

Das Diskussionspapier im Überblick

Die gesundheitliche Gefährdung betrifft alle, die einer Expostion ausgesetzt sind – etwa im Rahmen von oder im Anschluss an Sanierungs- oder Renovierungsmaßnahmen, aber auch kleiner Reparaturen, bei denen etwa gebohrt oder geschliffen wird. Das sind neben Malern, Fliesenleger, Trockenbauern, Sanitär- und Heizungsinstallateuren, Hausmeistern, Bodenlegern, Raumausstattern auch die Bewohner und Nutzer der betroffenen Räumlichkeiten.

Entsprechend des Papieres sind unter anderem folgende Punkte zu berücksichtigen

Nach §15 (5) GefStoffV „muss der Arbeitgeber … vor dem Beginn von Abbruch-, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten oder Bauarbeiten für die Gefährdungsbeurteilung nach § 6 Informationen, insbesondere vom Auftraggeber oder Bauherrn, darüber einholen, ob entsprechend der Nutzungs- oder Baugeschichte des Objekts Gefahrstoffe, insbesondere Asbest, vorhanden oder zu erwarten sind.“

Leider sind Asbestspachtelflächen an Wänden und Decken oftmals nicht zu erkennen, von Farbschichten und Tapeten überdeckt, von darunter vorhandenem Gipsputz oft nicht unterscheidbar und auch nicht visuell als asbestverdächtig anzusehen.

Bei Bauten vor 1995 sollte grundsätzlich von einem Verdacht ausgegangen werden

Bei einem Baujahr des Gebäudes vor 1995 sollte im Rahmen von Abbruch-, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten grundsätzlich von einem Asbestverdacht ausgegangen werden. Solange nicht das Gegenteil belegt ist, ist von Asbestverwendungen auszugehen. Daher ist eine umfassende gutachterliche Bewertung bei einem verdeckt eingebauter asbesthaltiger mineralischer Putze, Spachtelmassen und Fliesenkleber erforderlich. Dieses sollte durch einen Sachverständigen für Gebäudeschadstoffe („Schadstoffgutachter“) im Vorwege durch unabhängige Probenahme untersucht werden. Dazu sind die Verfahren geringer Exposition BT 31 („Stanzverfahren“) und BT 32 („Stemmverfahren“) nach Möglichkeit anzuwenden.

Auch wenn im Gesamtquerschnitt des Oberflächenbelags oft eine Asbestkonzentration von weniger als 0,1 Prozent auftritt haben Messergebnisse bei stark staubenden Arbeiten gezeigt, dass auch bei Asbestgehalten unter 0,1 Prozent in Produkten teilweise sehr hohe Asbestfaserkonzentrationen erreicht werden. Solche Arbeiten fallen bei den üblichen Instandsetzungsarbeiten wie dem Schleifen von Wänden und Decken, dem Fräsen von Schlitzen in Wände zur Verlegung von Leitungen oder auch dem Innenabbruch regelmäßig an.

Diese Besonderheiten wurden in der Vergangenheit nicht festgestellt oder fälschlich als unkritisch eingeschätzt. Regelungen des Arbeitsschutzes müssen daher auch dann Anwendung finden, wenn Tätigkeiten an Produkten ausgeführt werden, deren Asbestgehalt zwar unter 0,1 % liegen, jedoch trotzdem unzulässige Asbestexpositionsrisiken für Arbeitnehmer und Dritte verursachen.

Folgende Tätigkeiten dürfen bei einem positiven Befund nicht ohne Schutzmaßnahmen ausgeführt werden:

  • Das Bohren in asbesthaltigen Wandoberflächen ist als Eingriff zu bewerten, es führt grundsätzlich zu Asbestfaserfreisetzungen.
  • Auch bei malermäßigen Bearbeitungen von Wandoberflächen muss deren Asbestbelastung berücksichtigt werden. So dürfen zum Beispiel keine abrasiven Vorbehandlungen der Oberflächen (beispielsweise Anschleifen) erfolgen.
  • Ebenso führt das Ablösen von Tapeten auf Betonelementen mit asbesthaltigen Oberflächen zur Asbestfaserfreisetzung.

Als asbestverdächtig sind einzustufen:

  • Gipskarton-Leichtbauwände und Gipskartondecken, auch Akustik-Lochdecken mit asbesthaltigen Spachtelmassen (insbesondere als lineare Fugenfüller und als punktueller oder flächiger Glättspachtel)
  • Spanplattenwände und Fertigfußböden aus Spanplatten mit Spachtelmassen als Glättspachtel
  • Rabitz- und Strohputzwände (Vorläuferprodukte der Gipskarton- oder Spanplattenwände), Decken und Vorsatzschalen mit Spachtelmassen als Glättspachtel
  • Wand- und Deckenflächen, die Spachtel- und Reparaturmassen (flächig oder punktuell) aufweisen, wie: Massivwände und -decken aus Mauerwerk mit Putz und Spachtelschichten, Massivwände und -decken aus Beton, glattgespachtelt und tapeziert, Massivwände und -decken aus Beton, geputzt und zusätzlich glattgespachtelt, Massivwände und -decken aus Beton mit Reparaturspachtel, Verputze von Schlitzen und Unterputzdosen der Elektrogewerke
  • Dünnbettkleber von Wand-, Boden- und Deckenfliesen
  • Putze und Dekorputze an Wänden, Stützen und Decken
Dritte müssen im Vorwege informiert werden

Zur Vermeidung von Gefährdungen sind bei einem Asbestfund, auch unter einem Anteil von 0,1 Prozent, grundsätzlich die Nutzer zu informieren. Hier ist eine angemessene Informationspolitik wichtig, um die Grundlage für einen der tatsächlichen Gefährdung angepassten Umgang zu schaffen.

Wenn zum bestimmungsgemäßen Gebrauch des Gebäudes durch einen Nutzer auch zerstörende Eingriffe gehören ­– etwa das Befestigen von Bildern oder Regalen mittels Bohrungen oder das Herausnehmen verklebten Teppichbelages oder Bodenplatten ist eine Information mit Handlungsempfehlung obligatorisch.

Zur Vermeidung von unsachgemäßen Eingriffen sollte grundsätzlich eine sichtbare Kennzeichnung der Asbestverwendungen erfolgen.

Das Risiko minimieren

Über die Eingriffsbeschränkungen/-verbote hinaus können risikominimierende Maßnahmen sinnvoll sein. Zum Beispiel kann das Anbringen von Schutzleisten gegen Stoßbeschädigung wirksam Beschädigungen vermeiden. Solche Maßnahmen sollten von einem Schadstoffgutachter geplant werden. Bei der Montage der Schutzleisten sind entsprechende Schutzmaßnahmen zu ergreifen oder es sind Befestigungsmethoden ohne Eingriffe in die Oberflächen der Wand-/Deckenbeläge zu wählen.

Wenn Gebäude auf asbesthaltige Putze, Spachtelmassen und Fliesenkleber im Vorwege von Maßnahmen oder im Rahmen regelmäßiger Kontrolle untersucht werden, sollte die Bewertung unter Beachtung folgender Kriterien erfolgen:

  • Faserfreisetzungspotenzial (Asbestgehalt, Lage und Zustand des Produkts)
  • bauphysikalische Betrachtungen (Gefahr der Entfestigung, zum Beispiel durch Aufwölbungen/Abplatzungen durch Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen, Bereich von Dehnungsfugen)
  • Messergebnisse und Erkenntnisse aus vergleich-baren Objekten
  • Gebäudespezifika (aktuelle Nutzung/Nutzerbedürfnisse und so weiter)
Hinweis: 
Keinesfalls sollten bei Verdacht auf asbesthaltige Produkte unsachgemäße Arbeiten durch Beschäftigte oder Dritte wie Mieter vorgenommen werden. Im Zweifelsfall ist eine Untersuchung durch einen „Schadstoffgutachter“ immer einem eigenmächtigen Handeln vorzuziehen.

Autor des Überblicks: Dipl.-Biologe Stefan Johannsen

Hier steht das Diskusisionspapier zum kostenlosen Download bereit.

Weitere Informationen finden Sie auf der Seite des GVSS .

Artikel zur steigenden Zahl der Asbesttoten in Deutschland vom 5. Mai 2014