Energetische Sanierung


Fassadenstruktur bleibt trotz WDVS erkennbar

Bei der Sanierung eines denkmalgeschützten Wohn- und Geschäftshauses, der ehemaligen Stadtkanzlei, in der Spitalstraße 15 in Wangen im Allgäu, kam ein neues Wärmedämm-Verbundsystem (WDVS) zum Einsatz. Durch dessen extrem dünne und flexibler Hightech-Dämmplatten konnte die charakteristische Oberflächenstruktur der historischen Fassade trotz Erreichen eines modernen energetischen Standards erhalten bleiben.

2013_06_18_aero_wangen_01
Die Alte Kanzlei ist nach vielschichtigen Sanierungsarbeiten und wärmedämmenden Maßnahmen wieder vollständig als Wohn- und Geschäftshaus nutzbar. (Abb.: BASF Wall Systems GmbH & Co. KG)

Das Haus entstand in den Jahren 1415/16. Immer wieder kam es in den darauffolgenden Jahrzehnten, insbesondere in den Jahren 1540/41 sowie 1590, zu Veränderungen und Erweiterungen des Gebäudes, das als städtischer Verwaltungsbau diente. Die „Alte Kanzlei“ war Sitz des Stadtschreibers, der im Mittelalter und in der frühen Neuzeit als höchster Angestellter einer Stadt meist auf Lebenszeit die „Stadtverwaltung“ leitete und als rechte Hand des Bürgermeisters fungierte. Von 1673 bis 1786 beherbergte das Haus unter anderem die Mädchenschule der Stadt Wangen. Die öffentliche Nutzung endete gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Die Privatisierung und teilweise Aufteilung des Hauses im Jahre 1793 führte letztlich zu unkonventionellen Baumaßnahmen. Bis zur Unkenntlichkeit verbaut und ohne Rücksicht auf Baukunst und Statik, blieb vom Erscheinungsbild der einstigen Stadtkanzlei nicht viel übrig.

Würdevoll sanieren

Als Kind der Stadt Wangen fühlte sich der Architekt Eckhard Mackh dem historischen Gebäudebestand seiner Heimatstadt verpflichtet. Er begann im Jahr 2010 eine umfangreiche Totalsanierung des alten Stadtschreiber-Hauses mit den Zielen, das Raumgefüge des Gebäudes aus der Zeit vor 1793 wieder herzustellen und dem Haus auch äußerlich die Würde eines für die alten Reichsstädte typischen öffentlichen Gebäudes wiederzugeben. Das zukünftig als sechsgeschossiges Wohn- und Geschäftshaus vorgesehene Gebäude sollte darüber hinaus allen Anforderungen an moderne Bewohnbarkeit genügen, was mit einer Minimierung des Energiebedarfs einhergehen musste.

Durch „lebenserhaltende“ Maßnahmen vor Einsturz bewahren

Insgesamt umfasst das Gebäude drei normale Stockwerke und drei Dachgeschosse. Davon waren ursprünglich das Hauptgeschoss (die Belle Etage) und die Dachgeschosse in Fachwerk-Bauweise erbaut. Im 18. Jahrhundert wurde, abgesehen von der Nordwestwand des in den Hof vorspringenden Bauteils und des ganzen Südwestgiebels, das Fachwerk im Hauptgeschoss durch Mauerwerk ersetzt.

Die Tragstruktur des Hauses war schwer beschädigt, Planungsfehler noch aus der Erbauungszeit hinterließen erhebliche Spuren und die Holzbauteile in den Fachwerkbereichen waren durch Schädlingsbefall zerstört. Aufsteigende Feuchtigkeit zeichnete außerdem die Fassadenflächen.

Die Tragwerksplanung hatte Prof. Dr. Egermann, Büro für Baukonstruktion aus Karlsruhe übernommen. Zu allererst ging es darum, das Gebäude durch „lebenserhaltende“ Maßnahmen vor dem Einsturz zu bewahren. Die tragenden Mauern wurden mit Spritzbeton unterfangen, um zunächst die Stabilität des Hauses wieder herzustellen. An der Giebelwand und am Kreuzgratgewölbe war es unerlässlich, Risse zu verpressen, Sturzbögen teilweise zu erneuern, Maueranker und Zugstangen zu setzen. Die maroden Holzbalkendecken wurden wieder angestückt und ein Stahlrost eingezogen.

Die Sanierung des Dachstuhls ging mit einer Rückformung und neuen Dacheindeckung einher. Um eine weitere Feuchtebelastung an der Fassade zu vermeiden, war es zudem unumgänglich, den Sockel abzudichten. Diese Bauwerksabdichtung erfolgte nach Reparaturarbeiten mit einem Sperrputz beziehungsweise einer Behandlung mit Bitumen-Voranstrich und Aufbringen einer Dickbeschichtung.

2013_06_18_aero_wangen_02
Die Hightech-Dämmplatten folgen den vorgegebenen Verformungen des Bauwerks und schmiegen sich an die grobe Struktur des verputzten Mauerwerks. Gut zu erkennen ist auch die Verarbeitung in Stufenfalz-Technik. (Abb.: BASF Wall Systems GmbH & Co. KG)

Optik und guten Dämmstandard in Einklang bringen

Anschließend konnten auch die umfangreichen Fassadenarbeiten beginnen. Entscheidend war die Maßgabe, die historisch wertvolle Oberflächenstruktur zu erhalten und trotzdem ein WDVS nach neuesten Standards einzusetzen. Dabei gingen folgende Überlegungen voraus: Beim Einsatz eines mineralischen Dämmputzes wäre die bewegte Putzoberfläche zwar erhalten geblieben, doch die Ansprüche an die Dämmeigenschaften hätte ein solches Putzsystem nur eingeschränkt genügt. Außer Frage standen bei diesem Objekt die „starren“ Dämmsysteme auf Polystyrol- oder Mineralwollebasis. So viel die Wahl auf das auf Aerogel basierende WDVS „MultiTherm Aero“ von BASF Wall Systems.

Das neue Dämmsystem hat einen Bemessungswert der Wärmeleitfähigkeit von 0,018 W/(m ∙ K) und eine Dicke von vier Zentimetern. Die flexible Dämmplatte mit Stufenfalz schmiegt sich eng an die 400 Quadratmeter Fassadenfläche und in jeden Winkel der „Alten Kanzlei“. Auch die Anschlüsse an bestehende Bauteile, wie Fassadenöffnungen, das Dach oder an die Nachbargebäude, verursachten keine Probleme. Da das WDVS wasserabweisend und diffusionsoffen ist, konnte es auf dem stark feuchtebelasteten Bauwerk in Wangen angebracht werden.

2013_06_18_aero_wangen_03
Zur Vermeidung von Wärmebrücken ist das Ausfüllen von eventuell entstehenden Plattenfugen mit gleichem Dämmmaterial besonders wichtig. (Abb.: BASF Wall Systems GmbH & Co. KG)

Historische Putzfunde konserviert

An Teilen der hofseitigen Fassade sowie an den Nordwest- und Südwestfassaden konnten erhaltenswerte, historische Putzflächen ausgemacht werden. Um diese zu konservieren, entschied man sich dazu, die Dämmplatten an diesen Stellen nur zu dübeln und nicht zu verkleben, sodass eine Trennschicht zwischen historischem Putzbefund und neuem Wandaufbau entstand.

Die Fassadenflächen ohne historische Fundstellen bedeckte überwiegend ein Zementputz aus den 1930er-Jahren. In diesen Bereichen wurde das WDVS nach Entfernung des alten Zementputzes zusätzlich mit dem für die Dämmplatten konzipierten Klebe- und Armierungsmörtel verklebt und schließlich armiert. Die Verarbeitungsweise des neuen WDVS unterscheidet sich nicht von der herkömmlicher Systeme.

Bei den Fenstern konnten die leicht unklaren Glasscheiben als stilechte Zeugen der Epoche in einem speziell von der Denkmalpflege genehmigten Dämmglas eingefangen werden, um den unverwechselbaren Charakter der Fassade gänzlich zu erhalten. Durch einen speziell angefertigten Kalkputz mit Flachsfasern und einem darüber aufgebrachten Kalkfeinputz konnte die historische, handstrukturierte Putzstruktur wiederhergestellt werden. Der abschließende, freskale Kalkanstrich wurde auf den noch frischen Kalkputz gestrichen, um eine optimale Verbindung und Haltbarkeit der Materialien zu erreichen. Die Arbeiten wurden vom Stuckateur- und Restaurierungsbetrieb Frank Mauer aus Wangen durchgeführt.

Bezuschusst wurde das Projekt von der staatlichen Denkmalpflege, der Denkmalstiftung Baden-Württemberg und der Stadt Wangen. Nach fast dreijähriger Bauzeit und Fertigstellung Ende 2013 ist im Erdgeschoss der „Alten Kanzlei“ eine gewerbliche Nutzung vorgesehen. Familie Mackh bezieht die Büroräume im ersten Obergeschoss sowie die Wohnräume im ersten Ober- und ersten Dachgeschoss.

www.wall-systems.com