Bautenschutz + Bausanierung


Der subjektive Faktor

Wenn sich Sachverständige und Handwerker mit Rissen auseinandersetzen, stellen sie sich in der Regel vier grundsätzliche Fragen: Was ist die Ursache der Rissbildung? Bewegen sich die Risse noch? Wie können die Risse saniert werden? Stellen die Risse einen Mangel dar? Je nachdem, ob bei der Bewertung technische, optische oder rechtliche Aspekte in den Vordergrund gerückt werden, können die Antworten auf diese Fragen höchst unterschiedlich ausfallen.

Risse bewerten
Die Abbildung zeigt einen untergrundbedingten Riss (Stein-Putz-Riss). Risse können aber vielfältige Ursachen haben. (Abb.: Frank Frössel)

Risse können unterschiedlich breit und tief sowie Ursache für weitere Schadensmechanismen sein. Sie können ab einer bestimmten Breite sichtbar werden, allerdings auch nur temporär auftreten. Risse können durch eine mangelhafte Leistung des Handwerkers verursacht werden, aber auch durch mangelhaftes oder nicht aufeinander abgestimmtes Material oder durch Fremdeinwirkung Dritter. Sie können innerhalb oder außerhalb der Gewährleistung auftreten und bauart- oder baustofftypisch sein. Besonders problematisch sind Risse, wenn sie durch mehrere Faktoren verursacht werden und nicht eindeutig zugeordnet werden können. Diese beispielhafte Auflistung soll verdeutlichen, dass es „den Riss“ nicht gibt und es infolgedessen auch keine allgemeingültige Bewertung geben kann. Nicht selten kommen Sachverständige daher sogar zu dem Ergebnis, dass der Riss aus technischer Sicht „nicht zu bemängeln“ sei, obwohl die juristische Bewertung vor Gericht genau zu diesem Ergebnis kommt.

Grundlage der technischen Bewertung ist die Rissdiagnostik

Grundlage einer jeden technischen Bewertung ist die Rissdiagnostik, bei der Rissbreite und -tiefe, Rissverteilung und -verlauf sowie der ein-, zwei- oder dreidimensionale Rissflankenversatz ermittelt werden. Nach dieser Dimensionierung des Risses ist die Frage zu klären, ob zukünftig noch Bewegungen an den Rissflanken zu erwarten sind. Diese Frage nach dem sogenannten beruhigten oder dynamischen Riss erhitzt regelmäßig die Gemüter der Experten, da eine gewisse Rissdynamik an der Fassade aufgrund hygrothermischer Einflüsse nie ganz auszuschließen ist. Denn selbst eine Ausdehnung des Risses von 0,1 auf 0,2 Millimeter stellt immerhin eine Rissdehnung von 100 Prozent dar.

Die Frage nach dem „Wie viel?“ ist aber nicht nur für die technische Bewertung des Risses entscheidend, sondern bestimmt ganz wesentlich auch die Instandsetzungsplanung. Hierfür gibt es die Optionen, den Riss zu sanieren – also die Ursache der Rissbildung (an der Wurzel) zu beseitigen –oder den Riss nur zu kaschieren – also die Symptome zu überbrücken. Das System zur Risssanierung muss aber nicht nur den Riss überbrücken, sondern auch abhängig vom Objekt andere vielfältige Anforderungen erfüllen, zum Beispiel zum Untergrund kompatibel, diffusionsoffen, wasserabweisend, verschmutzungsresistent und farbtonstabil sein.

Ist- und Soll-Zustand vergleichen

Um Rissbreiten zu bewerten, müssen die gemessenen Werte (Ist-Zustand) mit den zulässigen Rissbreiten (Soll-Zustand) verglichen werden. Allerdings finden sich in den Regelwerken keine absoluten Werte für unschädliche und damit zulässige Rissbreiten. In einigen Regelwerken werden zwar Werte genannt, diese können aber nicht unkritisch auf alle Bauteile und Baustoffe angewandt werden.

So wird zum Beispiel in der Putznorm DIN V 18550 [1] ausgeführt, dass Haarrisse in begrenztem Umfang nicht zu bemängeln seien. Als Haarrisse werden Risse mit einer Breite bis zu 0,2 Millimetern definiert. Dieser Empfehlung folgt auch die DIN EN 13914 „Planung, Zubereitung und Ausführung von Innen- und Außenputzen – Teil 1: Außenputz“ [2]. In dieser Norm wird ausgeführt, dass Haarrissbreiten bis 0,2 Millimeter bei wasserabweisenden und wasserhemmenden Putzen die Funktionstüchtigkeit nicht beeinträchtigen.

In Anlehnung daran werden in den WDVS-Normen DIN EN 13499 [3] und DIN EN 13500 [4] für Putzbeschichtungen auf Mineralfaser-Dämmung 0,2 Millimeter und für Putzbeschichtungen auf Polystyrol- Dämmung 0,3 Millimeter als zulässige Rissbreiten angegeben. In der Praxis wird dies häufig so ausgelegt, dass die Regelwerke eine Rissbildung von maximal 0,2 Millimeter „legalisieren“ und diese Risse damit nicht zu reklamieren seien. Aus technischer Sicht stellt sich in diesem Zusammenhang sofort die Frage, ob Risse > 0,2 Millimeter demnach sofort einen (technischen) Mangel darstellen. Zumal die DIN V 18550 noch ergänzt, dass breitere Risse keinen Mangel darstellen, wenn sie unter gebrauchsüblichen Bedingungen nicht sichtbar sind und der technische Wert des Putzes nicht beeinträchtigt ist. Aber: Bei welchen Rissbreiten ist der technische Wert eines Putzes beeinträchtigt? Oder anders ausgedrückt: Wie lange ist die Funktionalität eines gerissenen Putzes gegeben?

Dieser Beitrag ist Teil eines Artikels aus B+B BAUEN IM BESTAND, Ausgabe 3. 2014

Autor: Frank Frössel

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